Wie agile ist Home Office? – Check Up der 12 agilen Prinzipien

Ihr könnt es wahrscheinlich auch nicht mehr hören, aber: wir alle haben in den letzten Wochen gelernt, dass man auch aus dem Homeoffice heraus gut zusammenarbeiten kann. Punkt. So nun habe ich es gesagt und wir können uns dem eigentlichen Thema widmen. Denn das wir vor der C-Zeit alle gedacht haben, Home Office funktioniert insbesondere für die agile Arbeitsweise nicht, muss ja einen Grund gehabt haben. 2018 hat IBM sogar das Home Office komplett gestrichen, obwohl sie es jahrelang angepriesen haben. Grund dafür war der Glaube, dass man besser miteinander arbeitet, wenn man sich täglich sieht, hört und anderweitig wahrnimmt. Und so haben viele von uns auch gedacht. Ab und zu mal Home Office, wenn es nicht anders geht, aber sonst bitte Vorort im Büro. Gerade ich als Scrum Master habe oft gesagt und auch von meinem Chef zu hören bekommen: Scrum Master machen kein Home Office, denn sie müssen beim Team sein. Aber ist das agile Arbeiten wirklich so unflexibel, was Home Office angeht. Dafür möchte ich mit Euch einen Blick in die Bibel werfen – die 12 Gebote ääähh 12 agilen Prinzipien – was sagen die eigentlich zu Home Office?

1. Our highest priority is to satisfy the customer through early and continuous delivery of valuable software.

Unabhängig aller Voraussetzungen, die für die kontinuierliche Delivery benötigt wird, sagt dieses Prinzip nichts über den Arbeitsort aus. Genauso verhält es sich mit den Prinzipien zwei und drei, die die Themen Welcome Changing Requirements und kurze Sprintzyklen hervorheben. Anders sieht es mit dem 4.Prinzip aus.

4. Business people and developers must work together daily throughout the project

Aha, hier kommen wir der Sache schon näher, denn um die Prinzipien 1-3 überhaupt sicherstellen zu können, ist 4. unabdingbar. Offene Fragen zwischen IT und Business müssen schnell geklärt werden. Ab und zu ein erster Blick auf Zwischenergebnisse hilft die richtige Richtung einzuschlagen und das Verständnis füreinander wächst, wenn man tagtäglich miteinander arbeitet. Aber was spricht dagegen dies auch über Videokonferenzen zu tun? Manche Teams sind sogar den ganzen Tag über ununterbrochen per Video verbunden. Alle sind stumm geschaltet und arbeiten ihre Themen allein oder miteinander ab. Aber wenn sie das Bedürfnis haben sich zu sehen oder kurz mal anzusprechen, schalten sie den Stumm-Modus einfach aus. Eben genauso wie man sich im Büro anspricht, wenn man Abstimmungsbedarf hat. Das schafft auch eine entsprechende Nähe, die für das 5.Prinzip sehr wichtig ist:

5. Build projects around motivated individuals. Give them the environment and support they need,
and trust them to get the job done.

Intrinsische Motivation ist für agiles Arbeiten sehr wichtig. Eine starke Eigenmotivation des Teams ist der wichtigste Faktor, um eine gute Qualität sicherzustellen. Ein Großteil der Motivation kommt über das Produkt an sich, darüber dass man störungsfrei arbeiten kann und sich dabei auch noch weiterbildet. Aber auch die Unternehmenskultur trägt viel dazu bei. Gespräche mit den Kollegen in der Kaffeeküche, Afterwork-Events, gemeinsame Mittagessen. Das ist aus dem Home Office heraus leider nur schwer nachstellbar – zumindest bislang. Denn hat der ein oder andere in der C-Zeit nicht genau dafür gute Beispiele gezeigt? Ich persönlich habe an meinem Geburtstag zu einem Spiele-Abend über Zoom (Online-Escape-Game) eingeladen. Ein anderes Mal haben wir gegrillt, gequatscht und etwas später am Abend sogar getanzt – über Zoom verbunden. Warum soll das nicht auch für den außerberuflichen Austausch mit Kollegen funktionieren? Rhetorische Frage! Natürlich wird das funktionieren und mit wachsenden technischen Möglichkeiten immer ein bisschen mehr.

6. The most efficient and effective method of conveying information to and within a development team is face-to-face conversation.

Eigentlich sollten meine Ausführungen zu den letzten beiden Prinzipien eine nähere Betrachtung zum 6. Prinzip hinfällig machen. Aber einen Punkt möchte ich noch aufgreifen, den jeder Scrum Master lernt und weitergibt: Scrum Teams müssen Co-located sein, also an einem Ort sitzen. Aus meiner heutigen Sicht ist dies eine völlige Fehlinterpretation oder ggf. auch eine falsche Antizipation. Denn mit dem Begriff co-location meinen wir insgeheim eigentlich Fokus. Wir nehmen an, dass Menschen die zusammen an einer Sache arbeiten und sich darauf fokussieren sollen, am besten auch an einem Tisch sitzen sollen. Denn so können sie sich gegenseitig ständig an den Fokus erinnern und auch ein bisschen kontrollieren. Jeder, der schon einmal in einem Projekt gearbeitet hat, dass co-located aber schlecht priorisiert ist, weiß, dass das Blödsinn ist. Daher verspreche ich hier feierlich, nie wieder zu behaupten, dass ein Scrum team co-located sein muss.

Auf die Prinzipien 7-10 möchte ich hier nicht weiter eingehen. Ebenso wie die Prinzipien 1-3 treffen sie weniger Aussagen darüber wie Menschen zusammenarbeiten sollen, sondern mehr auf was der Fokus gelegt werden soll. Aber es lohnt sich auf die Prinzipien 11 und 12 einen Blick zu werfen.

11. The best architectures, requirements, and designs emerge from self-organizing teams.

Selbstorganisierte Teams – die Königsdisziplin: Teams, die niemanden brauchen, um ihre Arbeit zu organisieren und kontinuierlich besser zu werden. Ich glaube, es liegt auf der Hand, dass Teams, die bereits selbstorganisiert sind, überhaupt kein Problem mit Remote-Work haben. Es geht mehr um die Teams, die es werden wollen. Selbstorganisierte Teams entstehen, wenn zu Beginn klare Rahmenbedingungen (durch den Scrum Master) geschaffen werden und dann Stück für Stück in die Verantwortung der Teams gegeben wird. Vieles davon wird in den Scrum Events transportiert, die alle auch remote stattfinden können. Ein paar Sachen jedoch sind nur in der tagtäglichen Arbeit zu spüren, wobei „spüren“ hier der Punkt ist. Das ein oder andere Verhalten von Teams ist so unscheinbar und unter der oberflächlich, dass es in Videokonferenzen nicht sichtbar wird und trotzdem zu schwerwiegenden Problemen führen kann. Zwei Team-Mitglieder arbeiten beinahe ausschließlich miteinander anstatt andere einzubeziehen. Oder das Gegenteil, sie fechten Streitigkeiten über das Chat-Programm aus. Natürlich kann man versuchen solche Themen in der Retro heraus zu kitzeln. Aber wenn man als Scrum Master es nicht mal mitbekommt, kann man auch nicht gezielt danach fragen. Apropos Retro:

12: At regular intervals, the team reflects on how to become more effective, then tunes and adjusts its behavior accordingly.

Vor C war ich das Thema Remote Retro ein rotes Tuch für mich! Alles andere bekommt man hin, aber keine Retro – so dachte ich. Post Its schreiben, clustern, in Kleingruppen unterteilen – das geht nur Vorort. Totaler Quatsch seitdem es Tools wie Miro und Zoom gibt. Aber dazu habe ich bereits in … ausführlich berichtet.

Fünf der 12 Prinzipien beschäftigen sich mit Zusammenarbeit und bis auf eine Ausnahme gibt es keinen Anhaltspunkt, dass Agilität und Home Office in Konkurrenz zueinander stehen. Zumindest wenn die agilen Werte Fokus, Committment, Mut, Offenheit und Respekt gelebt werden. Dennoch muss man es auch nicht schwarz-weiß sehen. Auch bei reinen Home Office-Teams tut es gut, ab und zu alle zusammen an einem Ort zu versammeln, um die paar Schwächen der HO-Arbeit auszugleichen. Zum Beispiel indem man alle 4 Sprints einen Google Design Sprint oder Design Thinking Woche einfließen lässt, um neue Impulse zu setzen und Ideen zu generieren. Home Office ist nicht nur eine Alternative, es ist eine echte Chance. Für qualifiziertere, cross-funktionale Teams. Für weniger Rush-Hour Travel. Für mehr Work-Life-Balance. Für weniger ungenutzte Bürofläche. Für weniger Urbanisierung. Für mehr Umweltschutz.

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